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Solidarität mit wem oder was?

Dieses Interview wurde in inside-igmetall.de erstveröffentlichen

Was lernen wir hinsichtlich der Nachhaltigkeit unseres Gesellschaftsmodells aus der Corona-Krise? Was müssen wir zügig ändern? Und welche Rolle kommt uns als IG Metall dabei zu? Eine Antwortsuche mit dem Pädagogen, Aktivisten und Vordenker Regenerativer Systeme Dr. Daniel Christian Wahl.

INSIDE:

Daniel, die Krise hat für viele Menschen nicht nur dramatische und schreckliche Eindrücke hinterlassen, sondern auch zu neuen Beobachtungen und Erkenntnissen geführt. Was hast du erlebt und gedacht? Was beschäftigt dich momentan?

DANIEL:

Für mich als Aktivist für einen Systemwechsel sind vor allem zwei Beobachtungen wichtig: Jeder von uns — vom Vorstandsvorsitzenden bis zum Fließbandarbeiter — hat gesehen, wie stark die Welt vernetzt ist, wie nah alles beieinander ist. Wir können jetzt durch das Brennglas der Krise sehen, dass die globalen Lieferketten unglaublich anfällig sind. Wenn irgendwo sechs Wochen die Produktion stillsteht, kann es irgendwo anders noch drei Monate später zu Engpässen kommen.

Die Pandemie führt uns aber nicht nur die systemische Vernetzung der verschiedenen Staaten vor Augen, sondern auch dies: Die menschliche Gesundheit ist sehr stark abhängig von der Gesundheit der Ökosysteme. Denn es ist mittlerweile erwiesen, dass sich Pandemien viel besser in Ökosystemen ausbreiten können, die geschwächt sind und in denen die Artenvielfalt reduziert ist. Gesunde Ökosysteme sind ein natürlicher Seuchenschutz insbesondere gegen sogenannte „Zoonosen“ wie COVID-19.

INSIDE:

Was folgt aus diesen Beobachtungen? Was müssen wir in Angriff nehmen — und wem soll unsere „Solidarität“ gelten?

DANIEL:

Das war nur der Anfang, denke ich. Weitere Disruptionen und Krisen werden folgen. Die nächsten fünf Dekaden werden in dieser Hinsicht sehr turbulent werden: COVID-19 ist unser Fenster in eine dystopische Zukunft. Wir sind also wieder einmal an einem Punkt angelangt, wo wir uns sagen müssen: Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Die allein auf Wettbewerb ausgerichtete, industrielle Wachstumsgesellschaft bringt zwar Wohlstand für einige, beruht aber letztlich auf der Ausbeutung vieler Menschen und des Planeten. Allen sollte klar sein: Wir haben nicht mehr viel Zeit, die Folgen eines katastrophalen Klimawandels zu vermeiden. Gleichzeitig kann unsere Antwort auf den Klimawandel auch zu gesunden Ökosystemen, besserer Lebensqualität und widerstandsfähigen regionalen Wirtschaftssystemen führen, die in globaler Kooperation vernetzt sind.

Wir müssen Produktion und Konsum wieder regionaler und regenerativer aufstellen. Das schafft auch Arbeitsplätze und eine viel breiter aufgestellte Regionalwirtschaft. Das Schließen der Kreisläufe muss kleiner skaliert stattfinden — auf der Regionalebene. Eine Regionalität, die im Namen der Krisensicherheit, der Umwelt und des Menschen die Essens-, Wasser- und Energie-Souveränität ausbaut, ergibt aber nur dann Sinn, wenn wir gleichzeitig auch Menschen in anderen Regionen dabei helfen, diese Re-Regionalisierung selbst vorzunehmen. Und genau durch diese Form der Hilfe zur Selbsthilfe und der internationalen Kooperation in der Etablierung regionaler und regenerativer Kreislaufwirtschaft können wir die guten Aspekte der Globalisierung erhalten.

In diesem ethischen Spektrum spielt die Solidarität also eine zentrale Rolle. Wir müssen nicht nur mit Gemeinden oder auf nationaler Ebene solidarisch sein, sondern mit der ganzen Menschheit und der Gemeinde des Lebens als Ganzes. Nur dann schaffen wir es, den transformativen Wandel in dem kurzen Zeitfenster zu vollbringen, das uns noch bleibt. Wir sitzen alle im gleichen Boot, dem Planeten Erde! Die Gesundheit des Planeten, seiner Ökosysteme und des Menschen sind sehr eng voneinander abhängig!

INSIDE:

Kannst du uns den Begriff „regeneratives System“ und die Rolle des Menschen darin näher erläutern?

DANIEL:

Momentan ist der Einfluss des Menschen auf die Natur degenerativ, ausbeutend und ressourcen-abbauend. Gerade weil wir Teil der Natur sind, haben wir aber die Fähigkeit, in den Ökosystemen als Schlüssel-Spezien aufzutreten und so zu agieren, dass diese Systeme wieder gesund und produktiv werden. Wir haben also die Möglichkeit, regenerative Kulturen zu schaffen.

Das meint konkret: den Aufbau widerstandsfähiger und regenerativer Produktions- und Verbrauchs-Kreisläufe, die Stimulierung lokaler und regionaler Wirtschaftsaktivitäten und die Wiederherstellung von Ökosystemen und Bio-Regionen. Letztlich geht es um das Wieder-sesshaft-Werden der Menschheit innerhalb der Grenzen der Ökosysteme. Oder anders formuliert: um die völlige Neugestaltung der menschlichen Präsenz auf dem Planeten.

Hierfür brauchen wir allerdings einen kompletten Mindshift — denn all diesen Krisen geht eine „Wahrnehmungskrise“ voraus: Wir brauchen einen Wandel der Weltanschauung, der Werte und der Kultur. Denn diese sind die Triebkräfte für Verhaltensänderungen. In dem Maße, wie sich unsere Weltanschauung ändert, ändern sich auch unsere Absichten und unsere wirklichen und wahrgenommenen Bedürfnisse.

INSIDE:

Momentan haben rücksichtslose Ellbogen-Politik und ungehemmte Selbstbereicherungs-Kultur aber ziemlichen Rückenwind: unbedingtes Wachstum ohne Rücksichtnahme auf die Umwelt. Wie sind die Aussichten für einen solchen Mindshift unter den Vorzeichen der Krise?

DANIEL:

Einerseits nicht besonders gut. Andererseits gibt es Solidarität und Mitgefühl auf allen Ebenen. Und COVID-19 hat doch auch gezeigt, wie radikal und schnell wir — wenn der Wille da ist — unser Verhalten ändern können und zu spontaner Zusammenarbeit fähig sind. Wenn wir zukünftig hören, „das können wir nicht, denn das ist zu utopisch“, werden wir immer entgegnen können: „In der Corona-Krise konnten wir das auch.“ Das stimmt mich hoffnungsvoll.

Außerdem gibt es bereits eine unglaublich hohe Anzahl an über den Globus verteilten Initiativen, Organisationen und Bildungsprojekten, die diesen Ansatz verfolgen und ihn umzusetzen beginnen. Besonders die Bildung und die Erziehung haben die Aufgabe, für dieses Umdenken zu werben und es zu etablieren. Die Rolle der Bildung und der kulturellen Institutionen bei der Katalyse und Unterstützung des Wandels sind nach meiner Auffassung von entscheidender Bedeutung.

INSIDE:

Das leitet direkt zur nächsten Frage über: Wo siehst du in diesem Zusammenhang die Rolle von Gewerkschaften wie der IG Metall?

DANIEL:

Gerade die Automobilbranche steht natürlich vor großen ökonomischen und ökologischen Herausforderungen. Arbeitsplätze, aber auch unser Planet sind in Gefahr. Sie muss sich dringend transformieren. Das unglaubliche Potential der IG Metall sehe ich besonders in ihrer starken regionalen Ausrichtung. Sie hat überall Menschen vor Ort, die aktiv tätig sind, sich engagieren und das Neudenken vorantreiben können. Diese Infrastruktur ist ein enormes Pfund!

Allerdings muss meiner Meinung nach Folgendes beachtet werden: Bei ihrer Zusammenarbeit mit den Gemeinden, Ländern und Regionen müssen die Mitglieder vor Ort darauf achten, dass die Analysen, Diskussionen und Kooperationen über die betreffenden Betriebe und Branchen hinausgehen — und die Regionen einen organischen Zusammenhang bilden. Nur so kann sich die Arbeit in den Regionen erfolgreich in etwas Neues transformieren.

Und zum Thema Stellenabbau und Arbeitslosigkeit ist zu sagen: Wir müssen die vorhandenen Fähigkeiten der Beschäftigten erkennen. Anders formuliert: Wir dürfen nicht bei den Problemen anfangen, sondern müssen Potenziale nutzen! Wir verfügen über gut ausgebildetes Fachpersonal. Diese Beschäftigten können das Wissen, die Erfahrung und die Intelligenz, die in der betreffenden Branche existiert, produktiv machen. Nicht die Firmen und Branchen stehen also im Vordergrund, sondern die Fähigkeiten der Beschäftigten!

INSIDE:

Was empfiehlst du den Bildungsbeauftragten der IG Metall und KollegInnen vor Ort, die sich mit „regenerativen Systemen“ auseinandersetzen möchten?

DANIEL:

Einen guten Einstieg in die Thematik bilden sicherlich die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Die Art und Weise, wie sie sich wechselseitig beeinflussen, ist ziemlich aufschlussreich. Das Verständnis ihrer ökonomischen, ökologischen, sozialen und weltanschaulichen Implikationen ist ebenfalls sehr gewinnbringend. Letztlich geht es um die lokale Relevanz jedes der 17 Ziele für die jeweilige Region oder Organisation. Es geht darum diese Ziele lokal relevant umzusetzen und gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten, die mit den lokalen Ökosystemen und Kulturen kompatibel ist.

INSIDE:

Und was empfiehlst du Führungskräften und Betriebsräten, die die Transformation in Angriff nehmen möchten?

DANIEL:

Solche Positionen bringen ham immer eine enorme Verantwortung mit sich, die darin besteht, die Maschinen am Laufen zu halten. Diese Perspektive ist aber immer zugleich ziemlich kurzsichtig und droht gerade in Krisensituationen langfristige und nachhaltige Perspektiven zu überlagern.

Die Mitglieder des International Futures Forum und andere Zukunfts-Praktiker, insbesondere Bill Sharpe, haben daher in den letzten Jahren gemeinsam das „Drei Horizonte“-Rahmenwerk entwickelt. Es ist eine wirksame Methode, um kulturelle Transformation zu verstehen und zu erleichtern. Das Rahmenwerk wurde in einer Vielzahl von Zusammenhängen eingesetzt, beispielsweise im schottischen Bildungssystem und in Führungskräfte-Schulungen.

Dahinter steht die Überzeugung, dass eine angemessene Reaktion von Organisationen, Gemeinschaften, Unternehmen oder Regierungen nicht in der kurzfristigen Bekämpfung von Symptomen besteht, sondern dass die zugrunde liegenden strukturellen und systemischen Ursachen angegangen

Lieber Daniel, wir danken dir für dieses Gespräch.

Über den Autor:

Dr. Daniel Christian Wahl ist Systemtheoretiker, Pädagoge, Aktivist und Berater. Er ist auf die Gestaltung regenerativer Systeme und transformativer Innovation spezialisiert. Als Mitglied des International Futures Forum hat er in Großbritannien für die nationale und lokale Regierung gearbeitet.

Seit 2010 lebt er in Spanien und arbeitet lokal und international an nachhaltiger Regionalentwicklung. Er ist Mitglied des Beraterkreises der Ecosystems Restoration Camps Foundation, der Commonland Foundation , von Future Planet Europe, und des Centre for the Future. 2016 erschien sein Buch mit dem Titel „Designing Regenerative Cultures“.

Weiterführende Informationen zu den „17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen“ (auf Englisch)

Weiterführende Informationen zum „Drei Horizonte“-Rahmenwerk (auf Englisch)

Hier der Link zur Erstveroffentlichung dieses Interviews:

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Daniel Christian Wahl — Catalyzing transformative innovation in the face of converging crises, advising on regenerative whole systems design, regenerative leadership, and education for regenerative development and bioregional regeneration.

Author of the internationally acclaimed book Designing Regenerative Cultures

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Catalysing transformative innovation, cultural co-creation, whole systems design, and bioregional regeneration. Author of Designing Regenerative Cultures

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