Mehr als nur nachhaltig: regenerative Kulturen gestalten

Im Englischen Sprachraum ist seit ein paar Jahren eine Vertiefung der Nachhaltigkeitsdebatte durch neue systemische — in der lokalen Umsetzung und Bürgerbeteiligung verankerte — Ansätze im Gange. ‘Regenerative Development and Design’, ‘Regenerative Cultures’, ‘Regenerative Business’ und ‘Regenerative Leadership’ sind alles Begriffe die im Laufe der letzten Zeit immer mehr mit theoretischen, methodologischen und praktischen Beiträgen und Beispielen definiert worden sind.

Regenerative Ansätze sind immer darauf bedacht aus der biokulturellen Einzigartigkeit jedes Ortes und jeder Region heraus neue Wege zu finden die zur systemischen Gesundheit und dem Mehrwert für den Menschen und das Leben als Ganzes beitragen. Das Ziel ist nicht nur unseren negativen Einfluss auf null zu reduzieren sondern net-positive oder regenerative Praktiken zu schaffen welche die ökologischen, sozialen, und regionalwirtschaftlichen Schäden der Vergangenheit wieder sanieren.

Regenerative Praxis entsteht aus der Geschichte der Lokalität mit der Beteiligung diverser lokaler Vertreter und schafft Werte und Gesundheit im Kontext eines vernetzen Ganzen auf lokaler, regionaler, nationaler und globaler Ebene. In diesem Sinne ist regenerative Entwicklung ein glokaler — global/lokaler — Ansatz. Eine regenerative Zukunft für die Menschheit und das Leben auf der Erde kann nur durch viele diverse regenerative Kulturen geschaffen werden die das Potenzial, die Essenz und die Einzigartigkeit jedes Ortes voll und im Einklang mit dem Rest der Natur entfalten.

Wir Menschen haben seit der Erfindung der Landwirtschaft — die mit Entwaldung einher ging — und besonders seit der Industriellen Revolution extrem viel Schaden in sozioökologischen Systemen angerichtet hat, den es nun möglichst schnell rückgängig zu machen gilt. Nachhaltiges Handeln welches nur keinen zusätzlichen Schaden hinzufügt wird nicht ausreichen um die Menschheit und das Leben vor den Katastrophen zu bewahren die unsere degenerative und ausbeutende Vergangenheit und Gegenwart leider weiterhin vorantreiben.

In den letzten Jahren haben sich die wissenschaftlichen Berichte zum Klimawandel, dem Verlust der Artenvielfalt, und kaskadenhaftem Kollaps vieler Ökosysteme immer wieder im Überbringen fast apokalyptischer Nachrichten übertroffen. Es steht fest dass ‘Business as Usual’ schon lange keine zukunftsfähige Option mehr ist.

Die Generationen die heute auf der Erde leben stehen vor der Herausforderung innerhalb der nächsten drei Jahrzehnte die menschliche Präsenz und unseren Einfluss auf die Biosphäre komplett neu zu gestalten. Uns bleiben — laut I.P.C.C. — nur wenige Jahre einen katastrophalen und irreversiblen Klimawandel zu verlangsamen oder sogar aufzuhalten. Wir müssen schnellstens von degenerativen, ausbeutenden, und zerstörerischen Verhaltensmustern zu regenerativen, co-kreativen, und heilenden Einflüssen auf Gesellschaft und das Leben wechseln.

Die Innovation die jetzt gefordert ist kann nicht weiter eine inkrementelle Verbesserung der weiterhin degenerativen Praktiken von Industrie und Wirtschaft sein. Wir brauchen dringend transformative Innovation die mit einer Re-lokalisierung und Re-regionalisierung einher gehen muss um Klimaresilienz für eine turbulente Zukunft zu schaffen und gleichzeitig die lebenserhaltenden Funktionen aller Ökosysteme zu schützen und zu regeneriren. Wir sollten Ursachen statt Symptome angehen. Dies bedeutet auch unsere eigenes Selbstverständnis und den kultur-schaffenden Narrativ der bisher unsere Entscheidungen geleitet haben ganz neu in Frage zu stellen.

Der Mensch ist nicht Herrscher der Natur, sondern Ausdruck des Lebens als ein planetarer Prozess der seit 3.8 Milliarden Jahren die Bedingungen auf der Erde so beeinflusst dass komplexeres, sowie mehr und diverseres Leben möglich wird. Das Leben schafft Bedingungen die dem Leben (als Ganzem) zuträglich sind (Janine Benyus). Wir sind jetzt alle gefordert diese Einsicht auf alle unsere menschlichen Belange anzuwenden und sie entsprechend neu zu gestalten.

Die komplexen bio-physischen Prozesse des Lebens in denen wir mitschaffend teilnehmen und aus denen wir hervorgehen sind als vernetzte komplexe Systeme fundamental unvorhersehbar und unkontrollierbar. Das Ziel unser wissenschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Innovationen sollte deshalb nicht länger Kontrolle, Vorhersage und Manipulation sein, sondern sollte die angemessene, heilende, und regenerative Teilnahme in dieser vernetzen Komplexität zum Ziel haben.

Zu lange haben wir uns der Illusion das Natur und Kultur unabhängig von einander seien hingegeben. Wir haben zu lange geglaubt dass wir mit Wissenschaft und Technik die Natur zum Untertanen des Menschen machen können. Diese anachronistische und selbstzerstörerische Weltsicht hat weder eine wissenschaftliche Basis, noch ist sie mit dem Weiterbestehen komplexen Lebens auf der Erde kompatibel.

Regenerative Gestaltung basiert nicht nur auf den Mustern gesunder Ökosystem, der Gestaltende selbst versteht sich und seine Kultur der Zusammenarbeit als Teil der Natur. Wir können uns zu einer regenerativen Schlüsselspezies in den Ökosystemen die wir bewohnen machen. Wir können heilen und das Ganze für das Ganze optimieren — nicht für Mensch und Natur, sonder als Mensch als Natur. Statt weiter auszubeuten und zu zerstören, können wir regenerieren und heilen!

Die Nachhaltigkeit ist eine Brücke, nicht das Ziel

Im erweitertem Rahmenwerk des regenerativen Ansatzes und der regenerativen Praxis ist die Nachhaltigkeit eine wichtige noch nicht erreichte Brücke von degenerativen und selbstzerstörerischen Praktiken der Menschheit , hin zu restaurativen und systemisch heilenden Praktiken die regenerative Kulturen ausmachen werden.

Es handelt sich hier um ein Spektrum das durch restauratives and regeneratives Handeln erweitert wird. Die Schritte von konventionellem Handeln zu den relativen Verbesserungen von “grünen Lösungen” oder zum Nullpunkt des ‘keinen-Schaden-Hinzufügen’ der Nachhaltigkeit sind alle sehr wichtige Etappen auf diesem Weg. Sie sind jedoch nicht das Ziel sondern der Anfang einer Transformation.

Es geht um nichts weniger als die Neugestaltung der menschlichen Präsenz auf der Erde. Wir haben das Potenzial einen heilenden und regenerativen Einfluss auf Sozio Ökologischen Systeme und die Bioregionen die wir bewohnen zu haben. Mein Buch ‘Designing Regenerative Cultures’ beschreibt dies im Detail und bietet einen breiten Fragenkatalog der Menschen, Gemeinden und Regionen bei der gemeinsamen Gestaltung regenerativer Muster an ihrem Ort und in ihrer Kultur helfen kann.

Am Montag, 4. November 2019, werde ich in München einen Workshop zum Thema ‘Lokale Umsetzung der Ziele der Nachhaltigkeit’ anbieten. Mehr Info:

Daniel Christian Wahl —Im Anbetracht der konvergenten Krisen die auf die Menschheit hereinbrechen katalysiere ich transformative Innovation, durch Bildungsarbeit, Medienarbeit, Beratung für Firmen, Universitäten und Regierungen im Bereich Gestaltung ganzheitlicher Systeme und Strategiegen als auch regenerativer Entwicklung auf lokaler, regionaler und globaler Ebene.

BSc. Biology (Hons. Zoology) University of Edinburgh & University of California Santa Cruz, MSc. Environmental Science (Holistic Science) Plymouth University & Schumacher College, PhD. Design for Sustainability University of Dundee; Autor des international erfolgreichen Buches ‘Designing Regenerative Cultures’, Co-Autor des ‘Design for Sustainability’ online-Kurses von Gaia Education als auch der ‘SDG Flashcards’ und des ‘Training of Multipliers’.

Catalysing transformative innovation, cultural co-creation, whole systems design, and bioregional regeneration. Author of Designing Regenerative Cultures

Catalysing transformative innovation, cultural co-creation, whole systems design, and bioregional regeneration. Author of Designing Regenerative Cultures